Ophelias Tod im Fluss ist die Präfiguration des Untergangs einer ganzen Familie. In der Bochumer Hamlet-Inszenie­rung von Johan Simons geht Gina Hallers Ophelia nicht tränen beseelt ins Wasser, weil der Vater ermordet und sie von ihrem Geliebten verstoßen wird. Sie versucht den schwermütigen Prinzen, der in Bochum von einer Frau gespielt wird, auf leichtere Gedanken zu bringen, und erst nach dem vergeblichen Locken in die Weite folgt das Fort­gehen an das Ufer. Sandra Hüllers Hamlet hat in Ophelia bisweilen einen Bruder, mit kahlem Schädel, einem weißen Kleid über der schwarzen Anzugshose: Die beiden Darstellerinnen spielen ein modernes Paar. Ophelia ist psychisch stabiler als Hamlet, auf dessen Verstoßung "Geh in ein Kloster ..." reagiert Gina Haller betroffen, Hamlets wegen. Zu sehen ist nicht die Wandlung der Kitsch-Ikone von der verliebten Jungfrau zur Wahnsinnigen, sondern eine erwachsene Frau, die mit Empathie und Humor auf Augenhöhe mit Hamlet, Laertes und Polonius agiert, teil­weise mit den Texten von Horatio, den es in dieser Auffüh­rung nicht gibt. Ophelias Tod, von den Kleidern unter die Oberfläche des Wassers gezogen, ist als Folge der Schwer­kraft mehr Unfall als Freitod, der banale Zufall als heutige Todesursache. Sie überbringt selbst die Nachricht von ihrem Tod. Es ist die Vernunft, die Ophelia zum Zuschauer dessen macht, was ihr zustößt.

In einer anderen Bochumer Inszenierung von Johan Simons' Iwanow von Anton Tschechow, spielt Gina Haller die Rolle der Sascha. Zusammen mit Jens Harzer als Iwanow begegnet man hier Tschechows zerrissenster Liebesbezie­hung. Der souveräne Gefühlsbenutzer Iwanow mit der sozi­alen Appetitlosigkeit des Jahrzehnte Älteren, trifft auf die gerade der Kindheit entwachsenen Tochter vom Nachbar­gut. Mit lesbarer Klarheit spielt Gina Haller die Auf- und Ausbruchsenergien dieser Amour fou. Sie liebt in die Zukunft, wider die Gegenwart des Weltzustandes. Je mehr sie weiß, ihr Objekt zu überfordern, um so leidenschaftlicher wächst ihr die Liebe. So wird sie am Tag ihrer Hochzeit schon Witwe, wenn Iwanow sich vor ihren Augen erschießt.

Gina Hallers Sascha enttäuscht alle profanen Leidens­erwartungen und weist im weiblichen Selbstgefühl als Vor­ausbild auf Vorbilder, Frauenfiguren von Vladimir Nabokov und Isaac Singer: Liebe als Sehnsucht zum Aufbruch. 

Für die Jury: Johannes Schütz

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